Fibromyalgie Selbsthilfegruppe Schwäbisch Gmünd

Fibromyalgie verstehen

Moderne Erkenntnisse, wirksame Strategien & neue Wege der Selbstregulation

Zusammenfassung des Vortrags vom 19.08.26 für die SHG Fibromyalgie

Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die weit mehr ist als „nur Schmerzen“. Sie betrifft das gesamte Nervensystem, die Energieproduktion, den Schlaf und die Stressregulation. In diesem Artikel fasse ich die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Leitlinienempfehlungen und moderne Therapieansätze zusammen – inklusive der Rolle der Herzratenvariabilität (HRV) und des autonomen Nervensystems.

Thomas Jack Wanner  Vortrag Fibromyalgie

Was ist Fibromyalgie?

Fibromyalgie ist eine offiziell anerkannte Diagnose (ICD‑10: M79.7) und beschreibt eine chronische Erkrankung mit:

  • weitverbreiteten Schmerzen
  • Schlafstörungen
  • körperlicher und geistiger Erschöpfung
  • häufig zusätzlichen Symptomen wie Reizdarm, Reizblase, Nervosität oder sensorischer Überempfindlichkeit

„Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen (≥3 Monate)… Nicht erholsamer Schlaf… Körperliche & geistige Erschöpfung.“

Die moderne Forschung zeigt klar: Fibromyalgie ist eine neurobiologische Störung der Schmerzverarbeitung, keine eingebildete Erkrankung.

Ursachen & Mechanismen – warum der Körper „laut“ reagiert

Es gibt keine einzelne Ursache, sondern ein Zusammenspiel aus genetischen, biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Häufige Risikofaktoren:

  • Stress & Überlastung
  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht
  • Trauma / Misshandlung
  • entzündlich‑rheumatische Erkrankungen

Zentral ist die zentrale Sensibilisierung: Die Schmerzregler im Gehirn sind zu hoch eingestellt.

„Normale Reize werden fälschlicherweise als Schmerz interpretiert.“

Was wir zusätzlich beobachten: Instabile HWS, Energie, Durchblutung & Stoffwechsel

Viele FMS‑Patienten zeigen typische physiologische Muster:

  • Instabile HWS → Verbindung der Zervikalnerven mit Hirnnerven kann neurologische Reizungen begünstigen
  • Mitochondriale Dysfunktion → ineffiziente Energiegewinnung
  • Erhöhte sympathische Aktivität → Gefäße enger, weniger Sauerstoff
  • Geringe Kapillardichte → frühe anaerobe Schwelle
  • Metabolische Stressantwort durch gestörte Schmerzverarbeitung

„Sympathikus zu hoch → Gefäße enger → weniger Blut kommt durch → Gewebe bekommt weniger Sauerstoff.“

Diese Mechanismen erklären, warum viele Betroffene trotz geringer Belastung starke Erschöpfung oder hohe Ruhe‑Laktatwerte zeigen.

Mythen – und warum sie Betroffenen schaden

Mythos 1: „Fibromyalgie ist nur Depression“

Falsch. Depression kann eine Folge chronischer Schmerzen sein, aber Fibromyalgie ist eine eigenständige neurobiologische Erkrankung.

Mythos 2: „Einfach Ibuprofen oder Cortison nehmen“

Falsch. Fibromyalgie ist keine entzündliche Erkrankung – klassische Schmerzmittel helfen kaum.

„Klassische Schmerzmittel und Cortison hemmen Entzündungen – Fibromyalgie ist jedoch keine klassisch entzündliche Erkrankung.“

Was wirklich hilft – Empfehlungen aus den Leitlinien

1) Körperbezogene Verfahren (starke Empfehlung)

  • Ausdauertraining („Laufen ohne Schnaufen“)
  • Wasser-/Trockengymnastik (Rehasport)
  • Funktionstraining
  • Leichtes Krafttraining + Dehnung
  • Tai Chi, Qi Gong, Yoga

Achtung: Bei allen sportlichen Interventionen muss der individuelle Ruhe-Laktatspiegel berücksichtigt werden. Ist er chronisch erhöht, sollte Training nur streng kontrolliert erfolgen.

2) Psychologische Verfahren

  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Entspannungsverfahren
  • Hypnotherapie / Imagination

Diese Verfahren wirken, weil sie das Nervensystem beruhigen, die Stressregulation verbessern und die Schmerzverarbeitung neu kalibrieren.

Vortrag Fibromyalgie SHG Schwäbisch Gmünd

Die Rolle des autonomen Nervensystems & der HRV

Ein zentrales Thema moderner Fibromyalgie-Forschung ist die Herzratenvariabilität (HRV) – ein Maß für die Anpassungsfähigkeit des autonomen Nervensystems.

„HRV spiegelt kardiale vagale Aktivität wider und damit die Fähigkeit zur Selbstregulation.“

Warum ist HRV wichtig?

  • Hohe HRV = gute Stressregulation
  • Niedrige HRV = Erschöpfung, Überlastung, Schmerzverstärkung
  • HRV zeigt, wie gut der Vagusnerv arbeitet

Der Vagusnerv ist der „Superheld“ der Selbstregulation – er steuert Herz, Atmung, Verdauung und Immunsystem.

Resonanzfrequenz & Atmung – ein unterschätzter Schlüssel

Langsames, rhythmisches Atmen (ca. 6 Atemzüge pro Minute) erzeugt die sogenannte Resonanzfrequenz:

  • maximale HRV
  • stärkste vagale Aktivierung
  • optimale Kopplung von Atmung, Herz und Baroreflex

„Die Resonanzfrequenz liegt meist zwischen 4,5 und 6,5 Atemzügen pro Minute.“

Warum das wirkt

  • Stresslevel sinkt
  • Blutdruck stabilisiert sich
  • Immunsystem wird gestärkt
  • Gedanken beruhigen sich
  • Schmerzen werden weniger intensiv wahrgenommen

Kulturelle Rituale – ein universelles Muster

Spannend: Viele traditionelle Rituale weltweit nutzen unbewusst genau diese Resonanzfrequenz.

Beispiele:

  • OM‑Chanting (Indien)
  • Gregorianischer Choral (Christentum)
  • Rosenkranzgebet
  • Dhikr & Koranrezitation
  • Zen‑Chanting
  • Qigong
  • Schamanische Trommelrituale

„Viele Rituale erzeugen verlängerte Exspiration, rhythmische Vokalisation und gleichmäßige Zyklen in der Resonanzfrequenz“

Diese Praktiken beruhigen das Nervensystem – oft ohne dass die Menschen wissen, warum.

HRV-Biofeedback – moderne Selbstregulation

HRV-Biofeedback ist eine wissenschaftlich fundierte Methode, die:

  • Stress reduziert
  • die vagale Aktivität stärkt
  • die Leistungsfähigkeit steigert
  • die Schmerzverarbeitung verbessert

„Führte in 85% der eingeschlossenen Studien zu einer Leistungssteigerung.“

Mit gezieltem Training kann die Herz-Hirn-Verbindung wieder von einem „Feldweg“ zu einer „Autobahn“ werden.

Warum wir HRV professionell per EKG messen

Eine HRV-Messung sollte immer per EKG erfolgen:

„Bei vorliegendem EKG können Herzrhythmusstörungen erkannt werden… Bewegungsartefakte und Rhythmusstörungen lassen sich eindeutig trennen.“

Brustgurte liefern nur RR‑Intervalle – ohne Möglichkeit der Nachbearbeitung.

Angebote für FMS‑Patienten in Schwäbisch Gmünd

  • Rehasport auf Rezept
    Selbstzahlerleistungen:
  • HRV-Messung & Biofeedback
  • Ruhelaktatmessung mit FMS‑spezifischem Protokoll

Fazit: Fibromyalgie ist veränderbar

Fibromyalgie ist eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung – aber sie ist beeinflussbar. Mit Bewegung, Stressregulation, Atemtraining, HRV-Biofeedback und einer modernen Sicht auf das Nervensystem können Betroffene ihre Lebensqualität deutlich verbessern.

„Ziel ist nicht die Bekämpfung des Schmerzes, sondern die Neukalibrierung des Schmerzsystems.“


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